Auszeit

09.04.2020

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Ostberlin 1989ff und die Suche nach der Zukunft

„Stern 111“ hieß ein bestimmtes Kofferradio aus DDR-Produktion, vor dem Inge und Walter Bischoff in den 1960er bis 1980er Jahren in Gera den Nachrichten aus der Welt lauschten. 1989 können sie ihren Traum erfüllen und die DDR verlassen. Ihr erwachsener Sohn Carl reist parallel nach Berlin, wo er in der Ostberliner Hausbesetzer-Szene landet.

Nur durch spärlichen Kontakt verbunden, bauen die Eltern sich ihr neues Leben in Land ihrer Jugendträume, den USA, auf, während Carl und seine Freunde Träume von einem gerechten Leben in einem sozialen Staat, der weder DDR noch BRD heißt, zu realisieren versuchen.

Eine sensibel beschriebene Geschichte voller Tragik und Traurigkeit, die eine westdeutschen Bundesbürgern fremde, andere, aber nicht unbedingt unglückliche Welt aufzeigt. Absolut lesenswert.

Elke Scheid

(Lutz Seiler: Stern 111. Berlin: Suhrkamp, 2020, 525 S.)

 

Unvorstellbares vorstellen – eine Erklärung

Etwas überzogen hat der Autor schon in der Darstellung der Hauptperson, des Dresdener Antiquars Norbert Paulini. Ein Bücherwurm muss halt immer schrullig sein, und diese Verschrobenheit in Auftritt und Attitüden konnte sich Ingo Schulze nicht verkneifen, zu beschreiben.

Paulini, der angesehene Antiquar, interessiert sich ausschließlich für die (hauptsächlich) deutsche Literatur, ignoriert die Politik der DDR, übersieht, dass die vielen Vorteile, die sich für ihn ergeben, Resultat der Stasi-Spitzeleien seiner Frau sind, reagiert überrascht auf den Untergang der DDR und die Wiedervereinigung und verliert: sein Ladengeschäft in der Dresdener Innenstadt wird unbezahlbar, das Elbehochwasser vernichtet einen großen Teil seiner Bestände, niemand interessiert sich mehr für die Klassiker der deutschen Literatur, er steht vor den Trümmern seines Lebens. Und sucht nach Schuldigen.

Von hohem literarischen Geschick zeugt Schulzes Perspektivwechsel im letzten Drittel des Romans, der eine vielseitige Charakterisierung seines Protagonisten erlaubt, und die Erzählung schlüssig abrundet.

Elke Scheid

(Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder. Frankfurt: Fischer, 2020, 318 S.)


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